Südwest-Presse Horb 23.04.2018
von Hans-Michael Greiß
Es war einmal das Grimmsche Märchen Schneewittchen, das von Dorothee Jakubowski in Dettingen auf der Bühne zum Leben erweckt wurde.
Bilder: KuballDie Königin (Dorothee Jakubowski) schmiedet mit vergiftetem Apfel – und vergiftetem Herzen – ihren bösen Plan.
Die neueste Produktion Jakubowskis erlebte am Sonntag im Adlersaal ihre Premiere, da zappelten die Kinder in der ersten Reihe aufgeregter als die Akteure vor Lampenfieber. Als die Musik endlich einsetzte, wippten sie im Takt mit.
Die vorwiegend schwarzen Abdeckungen, die verloren auf der Bühne herumstanden, verhießen wenig Erfreuliches. Andreas Schnell, preussig-koloriert, weißes T-Shirt und Hose, schwarze Schuhe und Sakko, gab den Erzähler der Geschichte von der bösen Mutter und der wunderschönen Königstochter. Nach schnellem Jackenwechsel fungierte er als antwortender Spiegel, einer Discokugel nicht unähnlich. Er wirkte einem Lokalreporter vergleichbar, der auch bei der Aufgabe, Auskunft zu geben, wer die Schönste im Lande sei, von Zweifeln zwischen Kundenerwartungen und Wahrheitsliebe geplagt ist.
Regisseurin Dorothee Jakubowski strahlte weitaus mehr königliche Würde und Grazie, verbunden mit Sucht zu narzisstischer Selbstbestätigung, aus als den abgrundtiefen Hass auf die sie an Schönheit übertreffende Tochter. Ihr Auftrittsort auf der Wendeltreppe forderte einige Halsverrenkungen der Zuschauer. Ihr reicher Fundus bot ihr genügend Gelegenheit, die Szenen in zeitlichen Ablauf zu setzen, zwang sie aber zum ständigen Robenwechsel von beige oder knallroter Abendgala und schwarzem Hosenanzug, verbunden mit abgestimmten Kopfbedeckungen. Ihren stärksten Auftritt zeigte sie in der Pose einer griechischen Siegesgöttin, den roten Apfel als Trophäe emporreckend.
Den Jäger mit Killerauftrag und alle sieben Zwerge zusammen verkörperte Sven Richter in zünftiger Handwerkerkluft mit kariertem Hemd und Cordhose, der artig seine Stiefel beim Betreten des Zwergenhauses aus- und seine Hausschuhe anzog. Seine schwarze Zipfelmütze diente als Identifizierung der Zwerge Hippo, Nurmi, Flix, Max, Bipo, Fredy und Knax, deren Initialen in Großbuchstaben aufgestickt waren. So war er die ganze Zeit mit der Rotation seines Markenzeichens beschäftigt. Jedem der sieben Zwerge ordnete er einen Dialekt zu, so erfüllten Pfälzer-, hessische oder bayrische Weisheiten die singuläre Zwergenrunde.
Ganz wie der Titel bestimmte die Rolle des Schneewittchens die Vorstellung, und Elisabeth Anna Maria Kaiser repräsentierte vollends die grundgütige Königstochter. Das champagnerfarbene Tüllkleid, erst recht die aristokratische Artikulation, im Folkwang-Theaterstudium geschärft, strahlten Noblesse aus. Doch nicht das königliche Geblüt, die Herzenswärme machte wahren Adel aus. Sie überwand Standesgrenzen und fand in den Zwergen ihre besten Freunde, die für sie einstanden und über die Tötungsversuche der bösen Mutter in zu Tränen rührende Verzweiflung fielen.
In das Spiel einbezogen, erlebten die Kinder das Geschehen hautnah mit. Was denn „scheintot“ bedeute erklärte ein Mädchen, „wenn man tot ist, dann aber wieder lebt“. Hilfsbereitschaft, Verzeihen und Liebe als Wert erkennen und praktizieren, erfuhren sie als Moral der Geschichte, die nicht nur den Kindern Unterhaltung und Lehre bot. Wenn ihnen auch am besten gefiel, dass „die Königin echt böse war“. Dass sich der ausgespuckte Apfelbissen in dem feinen Gespinst des edlen Tüllkleides verfangen hatte, war den kleinen Theatergästen ebenfalls nicht entgangen.

